Freitag, 6. September 2013

Von Familienfeiern und schönen Ritualen

Als Kind ging man meist mit gemischten Gefühlen zu Familienfeiern.
Einerseitz freute man sich auf die Cousins und Cousinen mit denen
man dann die Gegend "unsicher machen" konnte,andererseits fürchtete
man das Zusammentreffen mit so mancher Tante.

Da gabe es die Fraktion von Tanten, die einen zur Begrüßung in die
Wangen gekniffen haben und JEDES MAL sagten: "...na? Hast du Rouge
auf den Wangen?" Ein Satz, den man als 7 Jährige natürlich nicht so
gerne hört. Vorallem, wenn man natürlich KEIN Rouge auf den Wangen
hatte. Ich brauche sicher nicht dazu sagen, dass diese Tanten NICHT
zu meinen Lieblingsverwandten gehörten.

Eine weiter Sorte von Verwandten waren die, die nur in der Vergangenheit
zu leben schienen. Es folgte eine Geschichte nach der anderen...natürlich
von FRÜHER. Allerdings keine netten kleinen Anekdötchen, sondern meist
irgendwelche bedrückenden Geschichten vom Krieg und der schlimmen
Kindheit. Gefolgt von so Sätzen wie: "... ihr wisst garnicht wie gut
ihr es heutzutage habt."
Da hat man schnell zugesehen, dass man das Weite suchte um diesen
Geschichten zu entgehen.

Und dann gab es IHN: meinen Patenonkel!
Er hat mit uns Kindern rumgetobt, uns Dunkelbier gegeben, "wildes
Pferd" gespielt oder uns mit seinen Bartstoppeln im Gesicht rumgerubbelt
bis man ganz rote Wangen hatte. (Was wahrscheinlich auch der Grund für
die Frage nach dem Rouge war....)

In seinem Auto saßen wir UNANGESCHNALLT - damals gab es Hinten noch keine
Gurte - auf der Rückbank und kramten Kleingeld aus dem Polstern und hopfsten
auf und ab und feuerten ihn beim Fahren an. Er hielt auch jedes Mal bei unserer
Lieblings-Pommesbude an und hat uns Schaschlik gekauft, wenn er uns nach
Hause gefahren hat.

Auch meine Oma war einfach nur KLASSE.
Sie hatte sich wirklich eine kindliche Seele behalten und wußte genau, was
uns Kindern gefällt. Sie kaufte uns allen möglichen Nippes-Schnickschnack den
einem die Eltern mühsam auszureden versuchten.
Und dann gabe da diese bestimmte Schublade in ihrem Schlafzimmer.

Wenn man zu ihr zu Besuch kam, begrüßte man sie erstmal ordentlich: Küßchen,
knuddeln und "Hallo, Oma!" sagen. Dann schlich man sich heimlich ins Schlafzimmer
und gucke nach was sie tolles Neues an Süßigkeiten in der Schublade hat.
Danach ging man ganz scheinheilig zu ihr zurück und fragte nach der Süßigkeit
die einem am besten gefallen hatte: "... duhu, Oma? Hast du Luftschokolade?"
Sie spielte das Spiel immer tapfer mit und sagte dann: "... ich weiß nicht, da
mußt du mal in der Schublade gucken gehen...!"
Gesagt, getan! Wir gingen auch brav nachgucken und erstatteten ihr Bericht zum
Stand der Dinge bzw. Süßigkeiten. Sie erlöste uns mit dem Satz: "... dann holt
es euch aus der Schublade!"

Es geht doch nichts über ordentliche Rituale!



Bis dahin!
YPSILON

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